Spiel 13 in Essen: Komm, Spiel mit!

By Marco
In Brett- und Kartenspiele
Okt 29th, 2013
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Geschrei. Tausende von Menschen. Lange Schlangen vor ominösen Ständen, die nicht mal erkennen lassen, für was ich gerade vier Stunden lang anstehe. Marktschreierartige Promoter, die eigentlich nur irgendwelchen Ramsch an die Leute verteilen, aber überhaupt nix oder nur wenig über ihr eigentliches Produkt sagen. Herrscharen von zombieartigen Menschen, die sich um Stände und über Gänge schieben. Furchtbar. Der neunte Kreis der Hölle? Nein. Willkommen auf der Gamescom. Dass man es auch anders als diese zur völligen Anonymität degenerierte und zur Hypeveranstaltung mutierte Pseudomesse angehen kann, zeigte auch dieses Jahr eindrucksvoll die „Spiel 13“ in Essen.

Die internationalen Spieletage (oder kurz Spiel) sind seit 1983 ein fester Bestandteil des Messekalenders in Essen und haben sich über die Jahre zur größten Veranstaltung für Autorenspiele bzw. nicht elektronische Spiele gemausert. Die Spiel 13 belegte drei komplette Hallen der Messe Essen und zog ein Publikum von etwa 150.000 Besuchern an.

Ihr merkt bereits, dass diese Messe kaum mit einen Medienwahnsinn wie der Gamescom verglichen werden kann. Auf der Spiel geht es ruhiger zu. Wobei ruhig im Auge des Betrachters liegt. Natürlich ist es in den Hallen laut und es sind auch viele Leute unterwegs, aber anders als bei der Gamescom wurde diese Veranstaltung bisher nicht medial hochgeschaukelt, um immer höhere Besucherrekorde (und damit verbundene Einnahmen) zu generieren. Das hat durchaus Vorteile. Ich kann zu jeder Zeit bei annehmbaren Wartezeiten ein Spiel sehen oder sogar spielen und stehe nicht stundenlang in Schlangen, nur um mit blöden Trailern und einem billigen T-Shirt abgespeist zu werden.

Rücke vor bis auf LOS!

Dieses Jahr war die Stimmung in den Hallen hervorragend, das Aufstellerangebot reichhaltiger als je zuvor und viele Neuheiten wurden präsentiert. Der Aufbau war  gelungenener als im Jahr zuvor, als die Messe etwas ungeordnet wirkte. Dieses Mal hatte ich fast den Eindruck, dass die Stände thematisch aufgestellt waren.

Anders als bei der Gamescom, wird die Messe nicht nur dafür genutzt Spiele vorzustellen. Es werden auch Spiele zum Verkauf angeboten, so dass sich nicht nur Spieleverlage jeder Größe auf dem Gelände fanden, sondern auch eine Vielzahl von Verkaufsständen. Hier und da konnten Restposten oder sogar aktuelle Spiele für wahre Spottpreise ergattert werden.

In Halle 2 ging es auch dieses Jahr fantastisch zu. Die Besucher fanden alles, was das Rollenspielerherz höher schlagen lässt. Von den aktuellen Regelbüchern für Shadowrun 5 über Kunststoffwaffen für Live Action Roleplays bis hin zu Würfeln in allen Farben und Formen wurden die Spieler fündig. Abgerundet wurde das Angebot der Halle 2 durch viele Comicanbieter. Die Comicmesse „Comic Action“ findet immer parallel zur Spielemesse in Halle 2 statt. Hier konnten in diesem Jahr auch einige Künstler live und in Farbe angetroffen werden.

Du hast den zweiten Preis in einer Schönheitskonkurrenz gewonnen!

Die Spiel lockt mit einer Vielzahl an Gewinnspielen, Rabattaktionen und Tunieren. Ob die eher laute Umgebung einer Messe der ideale Standort für das Austragen von Tunieren ist, sei mal dahingestellt. Sämtliche offiziellen Tuniere der Spielformate des Heidelberger Spielverlags finden etwa nicht mehr auf der Messe statt. Die laute Kulisse und ein sich immer wieder einmischendes Publikums waren ein Problem. Deshalb fanden am Heidelberger Stand dieses Jahr nur inoffizielle Tuniere statt. Allerdings gab es auch bei diesen sehr schöne Preise.

Bei Pegasus Spiele fanden immerhin die deutsche Meisterschaft und im Anschluss sogar noch die Europameisterschaft im Kultkartenspiel Munchkin statt.

Rücke vor zur Schlossallee!

Aber genug der Vorrede kommen wir zu des Pudels Kern, den Spielen. Auch dieses Jahr wurde eine Vielzahl von Neuheiten vorgestellt. Darunter waren viele Stände von kleinen Verlagen. Sogar Privatpersonen warben um Unterstützer für Kickstarterkampagnen und hatten Prototypen ihrer Spiele dabei.

Da ich hier nicht tausende von Seiten füllen will, habe ich mir einige Spiele herausgegriffen, die mir als besonders gut oder besonders orginell aufgefallen sind. Eine kleine persönliche Top 5 der Spielemesse sozusagen.

Platz 5: Love Letter

love-letter

Love Letter – Intrigen, Verrat und die einzig wahre Liebe.

Den Anfang macht eines der kleinsten und minimalistischsten Kartenspiele, die ich seit langem gesehen habe.

Aktuell im Trend liegen die sogenannten Deckbuilding-Kartenspiele wie Dominion oder Thunderstone, die eine schier unüberwindbare Karten-Tapete auf die Spielflächen zaubern. Erweiterungen mit noch mehr Karten kommen gefühlt fast im Minutentakt. Für Dominion wurde auf der Messe bereits die achte (!) Erweiterung vertrieben…

Love Letter ist da erfrischend anders. Das Spiel besteht aus gerade einmal 16 Karten. Dennoch sind dank der tollen Spielidee die taktischen Möglichkeiten so umfangreich und nah an brilliant, dass eine höhere Platzierung des Spiels eigentlich nur durch die noch etwas stärkere Konkurrenz verhindert wird.

Die Spieler buhlen um das Herz einer Prinzessin, das sie mit den titelgebenen Liebesbriefen zu gewinnen trachten. Entscheidend ist letztlich, welche der auf den Karten aufgedruckten Personen für den Spieler den Brief überbringt. Jeder Spieler erhält zunächst eine Karte und zieht, sobald er an der Reihe ist, eine Karte nach. Dann spielt er eine Karte aus und führt ihre Aktion aus. Ziel ist es, die anderen Spieler entweder durch geschickte Aktionen ausscheiden zu lassen, oder am Ende der Runde (wenn der Ziehstapel leer ist, was bei so wenigen Karten flott geht) den höchsten Kartenwert auf der Hand zu haben. Kennen alle Spieler erst einmal alle 16 Karten, entbrennt ein pokerähnliches Spiel um Intrigen, Bluffs und Verrat. Da zu Beginn ebensoviele Karten, wie Spieler teilnehmen, vom Kartenstapel abgeworfen (analog zum Poker – Burn Karten), weiß kein Spieler genau, welche Karten im Spiel sind und welche nicht.

Die Karten selbst sind fantastisch gestaltet. Ein echter (und sehr preiswerter) Geheimtipp.

Platz 4: Robinson Crusoe

Robinson Crusoe - ein kooperatives Erlebnis auf einer fremden Insel.

Robinson Crusoe – ein kooperatives Erlebnis auf einer fremden Insel.

Platz 4 geht an ein altes Spiel. 2012 war es für mich das Spiel der Messe, leider gab es damals nur eine schlecht produzierte Version mit unglaublich vielen Fehlern. Das geniale Spielprinzip war aber selbst durch die Fehler nicht kaputt zu kriegen. Robinson Crusoe – Abenteuer auf der verfluchten Insel wurde mittlerweile von Pegasus Spiele übernommen und der Verlag spendierte dem Spiel zum Glück eine Generalüberholung. Pünktlich zur Messe war das Resultat dieser Schönheitsoperation zu erstehen.

Robinson Crusoe ist ein klassisches kooperatives Spiel. Ein bis vier Spieler versuchen nach einem Schiffbruch auf einer Insel zu überleben bis sie gerettet werden. Es stehen vier unterschiedliche Charaktere und sechs verschiedene Sznenarien zur Wahl. Die Insel ist dank zufällig gezogener Spielplanteile in jeder Runde anders aufgebaut. Zu Beginn muss sich die Gruppe erst einmal organisieren. Nahrung muss rangeschafft werden, eine Behausung, die vor Wind und Wetter schützt, errichtet werden. Vielleicht braucht die Gruppe ja auch Palisaden, die nicht nur gegen Tiere schützen.

Der Spielablauf ist zwar nicht ganz so einfach (42-seitiger Regelschinken ahoi!), lässt sich aber im Grunde auf ein simples Phasenspiel runterbrechen. Haben erst einmal alle Spieler einen Überblick über die einzelnen Phasen, die vielen Bauten und herstellbaren Werkzeuge sowie die vielen Ereignisse, geht das Spiel sehr gut von der Hand. Der Schwierigkeitsgrad richtet sich nach dem gewählten Szenario. Setzt das erste Szenario nur das Anhäufen von jeder Menge Holz für ein großes Signalfeuer als Ziel, geht es in anderen Szenarien schon deutlich härter zu. Von der aktiven Vulkaninsel bis zu einem Kannibalenstamm ist genug Abwechslung vorhanden, an der sich der geneigte kooperative Brettspieler die Zähne ausbeissen kann.

Platz 3: Packet Row

Paket Row - werde zum einflussreichsten Händler New Yorks.

Paket Row – werde zum einflussreichsten Händler New Yorks.

Packet Row erschien mir im Vorbeigehen wie ein simples Spiel im Stil von Säulen der Erde oder Tore der Welt. Dennoch habe ich mir ein Probespiel angesehen und war überrascht. Das Spiel ist eine Wirtschaftsimulation in der Spieler als Überseehändler im New York des 19. Jahrhunderts versuchen möglichst viel Einfluss zu gewinnen. Es geht um Siegpunkte, die ihr mit dem Bau von Gebäuden erhalten könnt. Das Geld für diese Gebäude müsst ihr mit Waren in Übersee verdienen. Dafür braucht ihr die Waren, einen passenden Auftrag und eine entsprechende Schiffspassage. Diese Dinge bekommen die Spieler in Form von Karten, die auf vier verschiedenen Bereichen des Spielplans liegen. Könntet Ihr Euch die Karten einfach nehmen, wäre Packet Row genau wie jedes andere Spiel der Sparte, aber jetzt kommt die Neuheit. Die Spieler dürfen nicht frei wählen.

Die Wahl des Spielplanteils, aus dem sich der Spieler eine Karte nehmen darf, übernimmt der Hafenmeister. Der Hafenmeister ist der „Startspieler“ der Runde. Er startet aber nicht mit der Wahl der Karten, sondern nimmt sich als Letzter Karten. Im Gegenzug darf er den Spielern reihum sagen, aus welchem Bereich sie Karten nehmen dürfen. Wenn der Hafenmeister bei seiner Kartenwahl passt, wird die restliche Auslage abgeräumt, neue Karten kommen auf den Spielplan und der nächste Spieler wird Hafenmeister. Das bietet unglaubliche taktische Möglichkeiten für Winkelzüge. Damit hebt sich das Spiel angenehm von den normalen Spielen in dieser Sparte ab und wird für mich zu einem echten Favoriten für das Spiel des Jahres.

Platz 2: Mage Wars

Mage Wars - Das Duell der Magier.

Mage Wars – Das Duell der Magier.

Mage Wars kommt schon wieder von Pegasus Spiele… Ja, das wird langsam einseitig, lässt sich aber nunmal nicht ändern.

Magic: The Gathering kennt sicher jeder. Der mittlerweile betagte Genreprimus unter den Sammelkartenspielen ist immer gerne kopiert worden. Mal besser, mal schlechter. Mage Wars schlägt sich bei dem Versuch sehr gut.

Das Spiel bedient sich nur am Grundprinzip von Magic: Zwei Spieler lassen ihre Magier-Avatare in einer Arena gegeneinander antreten. Dafür stehen im Grundspiel vier unterschiedliche Magier mit unterschiedlichen magischen Ausrichtungen zur Auswahl. Das Spiel unterteilt sich in eine Arena, die als echtes Spielbrett vor den Spielern liegt und in der die Magier als Spielfiguren bewegt werden, und in das Zauberbuch der Magier. Jeder Magier darf vor dem Spiel aus 300 (!) verschiedenen Zauberkarten ein Zauberbuch zusammenstellen, ohne dass der Gegner sieht, welche Zauber gewählt werden. Anders als bei Magic hat der Spieler aber immer Zugriff auf alle seine Karten. Sie werden also nicht zufällig gezogen.

Die Zauber müssen durch Mana bezahlt werden, jeder Magier hat eine andere Möglichkeit Mana zugenerieren. Das Zauberbuch und das Spielbrett, auf dem sich nach kurzer Zeit beschworene Kreaturen, Wälle und Fallen tummeln, machen dieses Spiel zu einem taktischen und strategischen Meisterwerk, für das sicher hunderte neuer Karten in Erweiterungen erscheinen werden. Hurra …

Platz 1: Zombicide

Zombicide - Überlebt ihr den Z-Day?

Zombicide – Überlebt ihr den Z-Day?

Und jetzt mein persönliches Highlight der Messe: Zombicide vom Asmodee Verlag, ein Zombiespiel. Oho, große Überraschung bei dem Titel! Das Spiel wurde ursprünglich über Kickstarter finanziert. Die Entwickler wollten über diese Plattform für die Entwicklung des Prototyps knapp 20.000 $ sammeln. Am Ende wurden es 800.000$. Der zweite Teil kam sogar auf 2,8 Millionen Dollar.

Zombicide ist ein kooperatives Spiel, in dem die Spieler versuchen eine Zombieapokalypse zu überleben, indem sie Missionen nachspielen. Im Grundspiel gibt es davon 10, außerdem werden auf der Entwicklerseite immer wieder Neue veröffentlicht. Ihr könnt auch selbst neue Missionen erstellen. Es gibt sechs unterschiedliche Charaktere, die wie üblich unterschiedliche Fähigkeiten mitbringen.

Intressant an dem Spiel: Die Spieler erhalten für das Töten von Zombies Erfahrung und können so Stufen aufsteigen. Dadurch wird der Charakter zwar stärker, es kommen aber auch mehr Gegner.  Wird ein Charakter zwei Mal gebissen ist er tot. Um euer Ableben zu verhindern, könnt ihr viele Gegenstände finden, mit denen Ihr Euch besser zur Wehr zu setzen könnt. Das Spiel inszeniert durch den hohen Schwierigkeitsgrad und die reichhaltige Ausstattung eine erstklassige Endzeitatmospäre. Die Probespiele waren großartig und machen Zombicide zu meinem persönlichen Spiel der Messe 2013. Einziger Wehrmutstropfen: Es kostet unfassbare 70 Euro… der einzige Grund, wieso ich es nicht sofort gekauft habe.

Spiel der Messe: Terra Mystica

Terra Mystica - Spiel des Jahres 2013

Terra Mystica – das laut Veranstalter beste Spiel der Messe

Der Friedhelm Merz Verlag, der Veranstalter der Messe, kürte Terra Mystica zu seinem Spiel des Jahres 2013. Es handelt sich um ein fantastisches Strategiespiel um die Vorherrschaft in der Terra Mystica. Für den Kampf stehen unterschiedliche Völker zur Auswahl, die mit unterschiedlichen Fähigkeiten möglichst effektiv Siegpunkte einheimsen müssen. Durch Gebäude und Siedlungsbau könnt ihr Siegpunkte bekommen. Allerdings müsst ihr dafür das Gelände immer erst in das passende Habitat des Volks umwandeln. Durch geschickten Einsatz von Priestern und Magie könnt ihr ebenfalls an  Siegpunkte kommen. Terra Mystica ist sicher eines der komplexesten Strategiespiele, die man gerade bekommen kann. In meiner Rangliste taucht es nicht auf, weil ich das Spiel schon fast ein Jahr bei mir zu Hause rumstehen habe und es für mich somit keine echte Neuheit ist.

Gehe in das Gefängnis! Gehe direkt dorthin!

Also ich mag Zombies. Das seht ihr an meiner Begeisterung für Zombicide. Ich bin ein Riesenfan von The Walking Dead und war wirklich erfreut, dass auf der Messe ein Brettspiel zur Serie vorgestellt wurde. Allerdings wich diese Überraschung bald Ernüchterung und kurz danach Enttäuschung.

Statt einem verzweifelten Kampf ums Überleben inszeniert der Kosmos Verlag im Brettspiel zur Serie ein reines Würfelspiel. Die Spieler suchen sich einen der bekannten Charaktere der Serie aus und starten im Camp. Nun würfelt ihr jeden Zug, setzt eure Figur genau die Augenzahl vorwärts und arbeitet den Text auf dem Feld, auf dem ihr landet, ab.

Klingt ein bisschen wie der Brettspielklassiker Talisman. Aber The Walking Dead kommt niemals auch nur ansatzweise an den Flair von Talisman heran. Gewonnen hat der Spieler, der als Erster vier Orte besucht hat und dann wieder im Camp ankommt… wie öde ist denn das?! Das Ganze wird als Spiel für Erwachsene angepriesen. Im Prinzip kauft man aber ein modifiziertes Rutsche-und-Leiter-Spiel mit Zombie-Illustrationen. Das hat die Serie nicht verdient und das Spiel ist definitiv eine der Gurken der Messe. Wenigstens die Illustrationen sind ganz ansehnlich und an der Serie orientiert. Das ist aber auch der einzige wirkliche Pluspunkt.

Rücke vor bis zum nächsten Bahnhof!

Und das waren die internationalen Spieletage 2013 aus meiner Sicht. Es waren schöne Tage mit besonderer Atmosphäre und unglaublich vielen Neuheiten. Vielleicht sehen wir uns ja im nächsten Jahr zu einem Spiel. Ich hoffe die Messe bleibt so wie sie ist, wobei ich das nächste Jahr eine Terminierung außerhalb der Herbstferien vorziehen würde. Ich merkte an einigen Stellen doch, dass die Messe dieses Jahr besonders gut besucht war. Wartezeiten halten langsam auch auf dieser Messe Einzug und langes Anstehen auf Messen ist sooo langweilig. Gut, dass auf der Spiel ein Anstehen in den meisten Fällen immerhin belohnt wird.