Betacheck: Hearthstone

By Jörg
In Games
Nov 7th, 2013
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An einem regnerischen Oktoberabend, mitten in einer WoW-Farmrunde, machte mein Rechner auf einmal „Pling“, was übersetzt heißt: Du hast eine neue Mail. Kein Grund eine spannende Erz-Farmrunde zu unterbrechen… außer … kurzer Blick. Jaaa! Endlich! Mein Hearthstone-Betakey! Etwa zwei Wochen später …

Blizzard kann es noch

Wie machen die das? Ob WoW, Diablo, Starcraft oder nun Hearthstone. Blizzard schafft es immer wieder, seinen Spielen den nahezu perfekten Flow zu geben.  Bei Diablo 3 brauchten sie dafür noch mehrere Patches nach Release, bei Hearthstone sind sie schon in der Closed Beta deutlich weiter.

Aber fangen wir mit einem kurzen Überblick an, was Hearthstone überhaupt ist. Zwei Spieler duellieren sich in den Rollen je eines von vorerst neun Warcrafthelden so lange, bis ein Spieler seine 30 Lebenspunkte verloren hat. Um das zu erreichen, stellt jeder Spieler ein 30 Karten umfassendes Deck zusammen. Die Karten symbolisieren Kreaturen, Zauber und Waffen aus dem Warcraft-Universum.

Zug, Zug!

Nacheinander absolvieren die Spieler ihre Züge, in denen sie jeweils eine Karte ziehen. Sie erhalten von Runde zu Runde mehr Mana, mit dem sie diese Karten ausspielen. Kreaturen wandern auf das Spielfeld, greifen einander oder den gegnerischen Helden an und werden von Zaubern in die ewigen Ablagestapel geschossen. Das Grundspielprinzip ist dabei so einfach, wie es jetzt klingt, denn Blizzard hat viel, was unter anderem Magic: The Gathering sehr komplex macht, einfach gestrichen. Es gibt keine Instants, mit denen Ihr jede Aktion des Gegners theoretisch unterbrechen könntet, nur sehr wenige Kartentypen, keine komplexe Unterteilung der Runden in zig Phasen. Stattdessen könnt Ihr in Eurem Zug alles in beliebiger Reihenfolge durchführen.

hearthstone_beta_spiel

Auf dem Spielfeld treten die beiden Helden mit ihren Dienern gegeneinander an.

Wird das Ganze dann nicht zu simpel und schnell langweilig? Nein, denn die Komplexität kommt quasi in einer zweiten Ebene. Das Spiel spielen kann jeder, nachdem er das kurze (Pflicht-)Tutorial erledigt hat, aber in jeder Situation die bestmögliche Entscheidung zu treffen, dadurch seine Karten so effektiv wie möglich zu spielen, seine limitierten Ressourcen bestmöglich einzusetzen, immer noch ein Ass im Ärmel zu haben und eine starke Karte des Gegners kontern zu können, das erfordert viel Übung, eine gute Kenntnis der gesamten Kartenbasis und nicht zuletzt einiges an strategischem und taktischem Können. Und natürlich Glück. Glück lässt sich in einem Kartenspiel, in dem Ihr Eure Karten in zufälliger Reihenfolge zieht, nicht ganz ausschalten, auch wenn es eine weit geringere Rolle spielt, als Ihr anfangs vielleicht noch denkt.

Zur Komplexität tragen auch die verschiedensten Sonderfertigkeiten bei, die die meisten Karten haben. Neben einem Angriffs- und einem Lebenspunktewert hat nämlich fast jede Kreatur, in Hearthstone Diener genannt, einen speziellen Kartentext, der ihr einen zusätzlichen spielerischen Wert verschafft. Spielt Ihr eine Elfenbogenschützin, dürft Ihr auf ein beliebiges Ziel einen Schadenspunkt machen, Hogger ruft am Ende jeder eigenen Runde einen Gnoll herbei, der für Euch kämpft. Und so weiter und so fort … Hinzu kommen einige Schlüsselworte wie „Gottesschild“ oder „Spott“. Ein Diener mit Gottesschild darf den ersten Schaden ignorieren, der ihn trifft und ein Diener mit Spott muss zuerst ausgeschaltet werden, bevor der Gegner andere Ziele angreifen darf.

Jobs done!

Blizzard hat es mal wieder geschafft, sein Mantra „Easy to learn, hard to master“ in die Spielmechanik umzusetzen. Leichte Grundregeln, aber unglaublich viele Details, die Ihr als Spieler in die verschiedensten Taktiken umsetzen könnt.

Aber auch das Drumherum stimmt. In wenigen übersichtlichen Menüs findet Ihr Eure Kartensammlung, könnt Decks zusammenstellen, Euch für einen der Spielmodi anmelden oder den Shop besuchen.

hearthstone_beta_sammlung

In Eurer Sammlung könnt Ihr Eure Karten betrachten und sie zu Decks zusammenstellen.

Eure Sammlung enthält alle bisher von Euch erspielten Karten. Ihr könnt sie hier durchgehen und zu neuen Decks zusammenstellen. Überflüssige Karten könnt Ihr entzaubern, aus den gewonnenen Ressourcen andere Karten craften, die Ihr gebrauchen könnt. Das Craften ist übrigens der einzige Weg, gezielt an eine bestimmte Karte heranzukommen, denn Tauschen dürft Ihr nicht und auch Einzelkartenkäufe sind im Spiel nicht vorgesehen.

Spielen könnt Ihr zum einen gegen 18 vorgefertigte KI-Decks in zwei Schwierigkeitsstufen. Das macht anfangs Sinn, um die Spielmechaniken zu verinnerlichen, wird aber doch recht bald langweilig. Einen echten Grund gegen die KI zu spielen gibt es nicht. Blizzard denkt zwar über eine „PvE“-Kampagne nach, doch bislang ist davon noch nichts zu sehen.

Spannender und auch lohnenswerter sind die Spiele gegen menschliche Gegner. Ihr könnt hier entweder einzelne Spiele gegen zufällige Gegner bestreiten, noch unterteilt in gerankte und ungerankte Spiele. Gerankte bringen Euch in einer Liga-Struktur voran. Auch Duelle gegen Freunde sind möglich.

Oder Ihr tretet einem Arenaspiel bei. In der Arena dürft ihr nicht mit vorgefertigten Decks antreten, sondern müsst Euch vor Spielbeginn eines neu zusammenstellen. Dazu müsst Ihr Euch zunächst für einen von drei zufälligen Helden entscheiden und dann 30 mal für eine von drei Karten, die Euch das Spiel zur Auswahl gibt. Genau diese 30 gewählten Karten bilden dann das Deck, mit dem Ihr in den folgenden Arena-Spielen antretet. Ihr spielt so lange, bis Ihr entweder 9 Spiele gewonnen oder 3 Spiele verloren habt. Dann müsst Ihr Euer Deck wieder abgeben und erhaltet eine Belohnung (Kartenpakete, Gold, Craftingmaterialien). Je besser Ihr wart, desto höher die Belohnung.

Im Shop schließlich könnt Ihr Euch Kartenpakete gegen Echtgeld oder gegen Ingame-Gold kaufen. Denn wie in jedem anderen Sammelkartenspiel auch gibt es unzählige Karten in verschiedenen Seltenheitsstufen. Und genau die entscheidende Karte für Eure neueste Deckidee habt Ihr garantiert noch nicht. Fast unnötig zu erwähnen ist vermutlich, dass natürlich die besonders seltenen epischen und legendären Karten gewöhnlich das beste Preis-Leistungsverhältnis haben.

Wichtig ist aber festzuhalten, dass Ihr nicht auf den Shop angewiesen seid. Ihr erhaltet im Spiel für erledigte Daily-Quests (ja, die gibts auch hier), für gewonnene Spiele und als Arena-Belohnnung Gold, das Ihr in Kartenpakete umsetzen könnt. Der Shop ist wie im F2P-Genre inzwischen üblich der schnellere Weg zum gleichen Ziel.

Ihr seid noch nicht bereit!

Also alles schick im Hearthstone-Land? Nein, das nun auch nicht. Hearthstone sieht, insbesondere für eine Closed Beta, schon sehr gut und sehr poliert aus. Doch es gibt noch genug Baustellen, auf denen die Blizzard-Bienchen den Spielenektar verfeinern können. Hearthstone teilt mit fast allen anderen Sammelkartenspielen eine Kinderkrankheit: Die Balance stimmt noch nicht überall. Einige Karten sind zu stark, besonders in Kombination mit bestimmten anderen Karten, andere zu schwach. Auch die verschiedenen Helden sind momentan noch nicht ganz ausbalanciert, was zum einen an ihren jeweiligen Spezialfertigkeiten liegt, zum anderen an den klassenspezifischen Karten, die kein anderer Held verwenden kann. Im großen und Ganzen stimmt die Richtung aber schon.

Ein zweites Problem ist die noch recht überschaubare Kartenanzahl im Spiel. Nach 1-2 Wochen habt Ihr die allermeisten Karten gesehen, runtergebrochen auf die neun Heldenklassen bleiben nur etwa 30 spezifische Karten pro Held. An dieser Stelle braucht das Spiel über die nächsten Wochen und Monate einfach einen steten Nachschub an neuen Karten.

Ein dem gewählten Spielprinzip immanentes Problem ist, dass Ihr in den Runden des Gegners quasi hilflos seid. Schon etablieren sich Decks, die den Gegner nur versuchen hinzuhalten, bis sie eine bestimmte Kartenkombination zusammengetragen haben, die in einer einzigen Runde den Sieg ermöglicht, etwa durch einen übel aufgepumpten Diener. Ein Konter ist dann oft nicht mehr möglich. Unspannend und nervig, aber leider oft effektiv.

Eventuell könnte Blizzard hier mit den „Geheimnissen“ noch Abhilfe schaffen, denn diese Geheimnisse sind momentan die einzige Möglichkeit, im Zug des Gegners etwas zu tun. Ihr könnt ein Geheimnis ausspielen. Dieses wird dann automatisch von einem bestimmten Ereignis ausgelöst. Ein Beispiel ist die Jäger-Karte „Scharfschießen“. Wenn dieses Geheimnis ausliegt und der Gegner seine nächste Kreatur ausspielt, erleidet diese 4 Schaden.

Geheimnisse reagieren also automatisch auf bestimmte Ereignisse in der Runde des Gegners. Leider gibt es nur sehr wenige Geheimnisse, die auch nur den Klassen Jäger, Paladin und Magier zur Verfügung stehen. Eine Ausweitung dieses Konzeptes könnte eine Art Kontermechanik in das Spiel bringen, ohne den Spielfluß zu sehr zu behindern. Doch gegenwärtig sind die meisten Geheimnisse schlicht zu schwach, weil man die Ziele nicht kontrollieren kann und sie damit viel zu leicht auszuhebeln sind.

Als letzter Kritikpunkt sei das Endgame genannt. Nach dem ersten Spielspaßrausch – der aber durchaus einige Wochen anhalten kann – sehe ich gegenwärtig noch keine wirklich greifenden Mechanismen, die für Langzeitmotivation sorgen könnten. Der Arenamodus ist spannend, bringt aber keine Belohnungen, die nachhaltig festgehalten werden. Neue Karten und etwas Gold sind anfangs toll, später, wenn Ihr eine umfangreiche Kartensammlung habt, verlieren sie an Reiz. Dann muss das Spiel an sich genug sein, um Euch bei der Stange zu halten. Ranglisten, Ligen, Achievements, Meisterschaften gibt es nicht.

Auch die Liga-Struktur der gerankten Spiele kann nur kurz reizen. Bronze-Liga oder Master-Liga? Ohne die Konkurrenten genauer zu kennen oder ein präziseres Raning zu haben, ist das nach einigen Wochen auch nur noch für wenige ein größerer Spielanreiz. Zumal es für das Erreichen (und Verweilen in) einer bestimmten Liga keinerlei Belohnungen gibt.

Aktiviere Ruhestein

Blizzard muss hier noch einen System-Unterbau schaffen, um die Spieler über längere Zeiten bei Laune zu halten. Aber, die Blizzcon ist nahe, und Blizzard hat noch einen größeren Patch für die geschlossene Beta angekündigt, also vielleicht werden viele dieser Kritikpunkte schon bald obsolet sein.

Über jeden Zweifel erhaben ist das Design des Spiels. Das UI ist selbsterklärend, was ein größeres Lob ist als Ihr vielleicht zunächst denkt. Die Spielarenen sind liebevoll designed, fast jeder Minion gibt ein paar markante Worte von sich, wenn er beschworen wird oder angreift. Die Zauber haben Animationen, die WoW-Spieler sofort wiedererkennen werden, die Schadensabwicklung und generell das Geschehen auf dem Board sind jederzeit gut nachvollziehbar.

Für den Moment ist Hearthstone genau das, was Blizzard vermutlich anfangs im Sinn hatte: Ein nettes und sehr unterhaltsames Spiel für Zwischendurch. Um daraus einen Dauerbrenner zu machen, müssen die Jungs noch nachlegen.