„Game of Thrones“-Lesehappen: Der Heckenritter von Westeros

By Jörg
In Bücher
Nov 19th, 2013
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George R. R. Martin ist leider nicht der Schnellste. Seine Saga „Song of Ice and Fire“, inzwischen besser bekannt unter dem Titel der zugehörigen Fernsehserie „Game of Thrones“, startete bereits 1996 mit dem ersten Band. Nach 17 Jahren sind es fünf Bände und Teil 6 (von 7) ist noch nicht in Sicht.

Da ist es doch ganz nett, wenn Martin uns zwischendurch ein wenig Lesestoff aus dem gleichen Universum beschert. Oder etwa nicht?

Dick und Dünn

Wir begleiten den Heckenritter Dunk und seinen Knappen Ei auf einigen ihrer Abenteuer in der Welt von Westeros. Handeln Martins Bücher in diesem Universum üblicherweise von den Reichen, Mächtigen und Schönen, erfahren wir in diesem Buch mehr über die Heckenritter. Ritter ohne Land, die als eine Art Söldner über das Land und für wechselnde Herren in deren Kriege ziehen, stets knapp bei Kasse und oftmals auf der Schwelle zum Raubritter.

Dunk ist ein Hüne von einem Mann. Als wir ihm zum ersten Mal begegnen, hat er gerade seinen Herren begraben, der ihn kurz vor seinem Tod noch vom Knappen zum Ritter machte. Mit dessen Pferd und Schwert, aber ohne Wappen und vor allem ohne Rüstung macht er sich auf den Weg zu einem Turnier, in der Hoffnung, ersten Ruhm und genug Geld für eine Rüstung zu erkämpfen. Dabei läuft ihm ein dürrer Bengel zu, der sich Ei nennt und sich nicht ausreden lässt, Dunks neuer Knappe zu werden.

So beginnt die erste von drei etwa 130 Seiten langen Kurzgeschichten, die im vorliegenden Band zusammengefasst sind. Auch in der zweiten und dritten Geschichte begleiten wir Dunk und Ei auf ihren Abenteuern.

Durch dick und dünn

Dunk und Ei, dessen Name – ohne zu viel verraten zu wollen – ein Greuel für den Übersetzer gewesen sein muss, freunden sich an und stehen einiges durch. Martin gelingt es dabei, in den drei Episoden einige Einblicke in die Welt von Westeros zu gewähren, die das Bild, das wir aus den Romanen kennen, abrunden. Abseits bekannter Schauplätze wie Kingsmouth oder der Wall und 100 Jahre vor den bekannten Ereignissen zeigen uns Dunk und Ei, wie es in den kleineren, von der Welt vergessenen Grafschaften zugeht.

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Gut 400 Seiten Impressionen aus Westeros

So arbeiten die beiden in der zweiten Episode für einen uralten Adligen, dem außer einem baufälligen Turm, wenigen Hühnern und etwas Land, auf dem drei darbende kleine Ortschaften stehen, nicht viel gehört. Dieser streitet sich mit seiner Nachbarin um einen Damm und etwas Wasser. Wenig weltpolitische Bedeutung, aber viel Westeros-Atmosphäre.

Die dritte Geschichte führt Dunk zurück auf den Turnierplatz und mitten hinein in eine Verschwörung, in der es um bedeutend mehr als etwas Wasser geht.

Die drei Geschichten sind zwischen 1998 und 2010 für verschiedene Anthologien geschrieben worden und wurden jetzt erstmals gemeinsam auf deutsch veröffentlicht. Jede musste daher für sich selbst bestehen, so dass Ihr keine fortgesetzte Geschichte erwarten dürft, die sich zu einem Roman verbindet. Die Geschichten sind in sich abgeschlossen und zwischen ihnen klaffen große Lücken.

Dennoch entwickeln sich Dunc und Ei weiter. Kenner von Martins Universum wissen, was aus den beiden in späteren Jahren noch werden wird. Der Heckenritter ist beileibe keine unbedeutende Randnotiz in der Geschichte von Westeros, doch müsste Martin vermutlich noch mindestens 5 weitere Kurzgeschichten schreiben, bis die Erzählung sich so weit vorgearbeitet hätte, dass das Thema wird. Bei Martins Erzähltempo vielleicht auch eher 10-15 Geschichten …

Dick und doch dünn

Mit über 400 Seiten liefert „Der Heckenritter von Westeros“ eine solide Menge Lesefutter in einem gut ausgestatteten Band. Wer allerdings auf den Sticker auf dem Cover hereinfällt, der „Die Vorgeschichte zu Game of Thrones“ verspricht, wird eventuell enttäuscht werden. Es tauchen zwar einige Targaryens auf, auch ein Drachenei spielt eine Rolle und der in der Romanreihe uralte Lord Frey gibt als Baby sein Debut. Das kann aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass Dunks und Eis Abenteuer am Ende eher Impressionen aus einer anderen Zeit sind. Diese Zeit hat natürlich Auswirkungen auf die Ereignisse der Romanserie, aber wer erwartet, dass hier die Wurzeln für die späteren Ereignisse gelegt und erklärt werden, der wird überwiegend enttäuscht werden.

Von diesem Manko abgesehen werden Martin-Fans gewohnt gut unterhalten. Typisch beginnen alle drei Geschichten sehr gemächlich, lassen sich viel Zeit damit, die Charaktere, die Umgebungen und das Leben in Westeros zu beschreiben, um dann im letzten Drittel gehörig Gas zu geben. Nett sind einige kleine Anspielungen auf die Romanreihe, bei denen Kenner sicher das ein oder andere Mal schmunzeln werden.

Niemand verpasst etwas, wenn er diese Geschichten nicht liest, aber jeder Fan des „Songs of Ice and Fire“ wird sich sofort wieder wie zu Hause fühlen und in die Welt von Westeros eintauchen – wenn auch leider nur kurz.

Der Heckenritter von Westeros: Das Urteil der Sieben (Broschiert)


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