Jack Reacher zwischen „Größenwahn“ und Kleinstadt

By Jörg
In Bücher
Nov 28th, 2013
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Kennt Ihr Margrave? Vermutlich nicht, denn es handelt sich um ein kleines Kaff in Georgia im Süden der Vereinigten Staaten, noch dazu um ein fiktives. Und doch wird Euch Margrave vermutlich bekannt vorkommen: ein Diner, Polizei, Feuerwehr, ein Barbier, paar Shops, einige Villen und frisch geputzte Bürgersteige bestimmen das Stadtbild, solche Orte kennt man aus zig Romane, Filmen und Serien. Sie sind freundlich, verschlafen und … gefährlich. Aus irgendeinem Grund sind sie immer gefährlich.

Morde im Südstaatenparadies

Da bildet auch das von Autor Lee Childs erdachte Margrave keine Ausnahme. Der inzwischen aus dem Kino bekannte Ex-Marine Jack Reacher, irgendwo zwischen James Bond und Jason Bourne angesiedelt, kommt zufällig ins Örtchen und wird gleich während seines Frühstücks festgenommen und des Mordes beschuldigt. Zunächst will Reacher nur seine Unschuld beweisen und dann schleunigst aus der Stadt verschwinden, doch bald schon ist er so zwischen Freunden und vermeintlichen Freunden eingekeilt, dass er kaum noch umhin kann, genauer aufzuklären, was so alles in Margrave gespielt wird.

Ohne hier zu viel zu verraten: Eine Menge wird in Margrave gespielt und die halbe Stadt scheint mit drin zu hängen. Autor Lee Childs gelingt es wunderbar, die gemütliche Kleinstadt mit Kriminellen zuzupflastern und dabei einen interessanten Thriller zu erzählen. Schicht für Schicht deckt Jack Reacher auf, warum es der eigentlich völlig unbedeutenden Kleinstadt blendend zu gehen scheint, was eine seltsame Stiftung, der Polizeichef und ein inhaftierter Bankmanager gemeinsam haben und warum dem ersten Mord ziemlich bald eine ganze Reihe weitere folgen.

Viel Action, wenig Drama

„Größenwahn“ ist durchaus spannend zu lesen. Ihr solltet nur kurze Sätze mögen. Sehr kurze Sätze. Teils ohne Verb. Childs verfällt immer wieder in diesen militärischen Telegrammstil, der im Idealfall aktiv, manchmal leider aber auch hektisch wirkt.

Die Charaktere bleiben insgesamt blass, neben dem entwurzelten Reacher gibt es die süße Kleinstadtpolizistin, den gut gekleideten Detective, einen unsympathischen Bürgermeister und einen planlosen Ex-Banker. Viel mehr Adjektive als die hier verwendeten braucht es nicht um die Charaktere und ihre Entwicklung im Roman zu beschreiben.

Childs legt den Fokus klar auf die clever geschachtelte Auflösung der im Städtchen angelegten Geheimnisse und zwischendurch immer wieder auf ordentlich Action. Ganz wie im Jack-Reacher-Film, der Anfang des Jahres im Kino lief und der zeigt, was Euch auch im Buch erwartet.

Von deduktivistischem Größenwahn

Und Ihr solltet das Buch wie einen guten Actionfilm lesen: Genießen, aber nicht allzu intensiv drüber nachdenken. Denn sonst könnten Euch einige Logiklöcher oder der oft arg strapazierte Zufall auf den Geist gehen. Ist es wirklich wahrscheinlich, dass von über 300 Millionen US-Bürgern ausgerechnet Jack Reacher und sein Bruder zur gleichen Zeit in Margrave landen und beide in diesen Fall verwickelt werden, obwohl dieser nichts mit ihrer Familie zu tun hat und die beiden seit Jahren keinen Kontakt hatten?

Und was haltet Ihr von folgender deduktiver Meisterleistung, bei der sogar Sherlock Holmes neidisch wird? Reacher sucht einen verschwundenen Familienvater. Reacher überlegt sich, dass der Mann zwar weg will, aber als Familienvater sicher in der Nähe seiner Familie bleiben will. Er hat Angst, also wird er möglichst täglich woanders unterzukommen versuchen. Also, so schlussfolgert Reacher, wird er sich im Kreis um Margrave herum bewegen. Dabei wird er sich mit dem Bus bewegen, denn das ist am unauffälligsten. Er könnte in Stadt X anfangen, denn da, wie Reacher weiß, war er schon mal. Dann fährt er am nächsten Tag im Gegenuhrzeigersinn weiter um Margrave herum. Warum im Gegenuhrzeigersinn? Na, weil das Menschen so machen.

Also ist er an Tag 2 in Stadt Y. Da die aber sehr nah an Margrave liegt, schläft der verschwundene Familienvater vermutlich schlecht und ist nervös. Am Folgetag flieht er in Stadt Z, dort bleibt er dann zwei Tage, weil er erschöpft ist vom Nichtschlafen und sich erholen muss. Weil er faul ist, sucht er sich ein Hotel im Umkreis von 3 Blöcken um den Busbahnhof. Im Hotel nistet er sich unter einem Namen der Beatles ein, weil er Beatles-Fan ist, wie Reacher auch weiß. Seinen Vornamen behält er bei, weil das Leute auf der Flucht angeblich immer so machen. Am ersten Tag war er Paul Lennon, dann Paul McCartney, dann Paul Starr usw. Reacher macht also nichts weiter als alle 18 Hotels in der für heute berechneten Stadt anzurufen, die nahe am Busbahnhof liegen und nach Paul Lennon zu fragen. Und voila, Verschwundenen gefunden!

Wohlschmeckendes Lese-Fastfood

Ganz so albern geht es zum Glück sonst nicht zu, aber Ihr versteht vermutlich, warum ich davor warne, mit allzu hohen Erwartungen an diesen Roman heranzugehen. Aber als Lese-Fastfood für die Bahnreise, den Urlaub am Strand oder zum Entspannen nach der Arbeit taugt Jack Reachers erstes Abenteuer auf jeden Fall.

 

Größenwahn: Ein Jack-Reacher-Roman (Taschenbuch)


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