Gone Home: Kunst zwischen Novelle und Spiel

By Jörg
In Games
Dez 19th, 2013
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Katie Greenbriar kommt 1995 nach einem Austauschjahr in Europa endlich wieder nach Hause und freut sich auf ihre Eltern und ihre Schwester Sam. Doch am Flughafen holt sie niemand ab. Zu dumm, dass damals noch nicht jedermann ein Handy hatte und Whattsapp und Co. auch noch Zukunftsmusik waren. Also schlägt sich Katie schließlich alleine zu dem Haus durch, in dem ihre Familie nach einem Umzug während Katies Europatrip nun wohnt. Als sie ankommt, ist es dunkel, es gewittert, niemand öffnet die Tür und das „Spiel“ kann beginnen.

Katie allein zu Haus

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Hier startet Katie ihren Erkundungsgang.

Was wie das perfekte Setting für einen Horrorshocker klingt, entwickelt sich in eine gänzlich andere Richtung. In der Gestalt der sich wundernden Katie verschafft Ihr Euch Zutritt zum unbekannten Elternhaus. Es scheint niemand zu Hause zu sein, also beginnt Ihr, die Zimmer zu erkunden. Viel mehr als herumlaufen, Euch bücken, heranzoomen und mit Dingen interagieren könnt Ihr nicht. Es gibt auch keine Gegner, die Ihr besiegen könnt oder denen Ihr wenigstens ausweichen müsst.

Stattdessen geht Ihr von Raum zu Raum, von Kommode zu Schreibtisch, von Regal zu Wandschrank und schaut Euch um. Hebt einen Anstecker vom Boden auf, eine herumliegende Rechnung oder eine Kurzgeschichte, die Sam für die Schule geschrieben hat. Alle relevanten Gegenstände könnt Ihr aufnehmen und in einer 3D-Ansicht betrachten, alle Schriftstücke (und es gibt viele) könnt Ihr Euch durchlesen. Ordentliches Schulenglisch ist dabei von Vorteil, denn die Texte sind ausschließlich auf englisch geschrieben. Ab und zu findet Ihr Teile des Tagebuchs Eurer Schwester Sam, die per sehr guter (ebenfalls englischer) Sprachausgabe in Euer Ohr finden.

An den Wänden hängen Fotos der Bewohner, die Räume des – für eine Familie beeindruckend großen – Anwesens sind liebevoll ausgestaltet. In den Kommoden der Eltern liegt alles von BH bis Jeans, was man so erwarten würde, Sams Zimmer ist das eines typischen kurz vor dem Erwachsenwerden stehenden Mädchens und in der Bibliothek könnt Ihr den Plattenspieler anstellen. Kurz: Mit jeder Spielminute taucht Ihr mehr in das Leben der Familie Greenbriar ein.

Eine schrecklich nette Familie

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Papa hat wieder Erfolg!

So erfahren wir von Papas Versuchen, seine eingeschlafene Autorenkarriere wieder in Gang zu kriegen, von Mamas Arbeit als Waldhüterin und von Sams Problemen, sich nach dem Umzug in ihrer neuen Schule einzufinden. Sam wird als das Mädchen aus dem „Psycho Haus“ verspottet, weil in dem Heim der Familie Greenbriar der Vorbesitzer auf merkwürdige Art zu Tode kam.

Nach und nach ergibt sich so ein Bild dieser amerikanischen Familie, in der jeder für sich seine Probleme hat, die sich auf die Familienbeziehungen auswirken. Am Ende fühlt man sich wie das unsichtbare dritte Kind der Familie. Es ist erstaunlich, wie intensiv ich mir nach den drei Spielstunden das Leben in diesem Haus vorstellen konnte, die Charaktere seiner Bewohner und – mit Abstrichen – auch seines Exbewohners.

Ganz nebenbei enthält das Spiel haufenweise kleine Anspielungen auf die 90er Jahre. Im Wohnzimmer liegen Videokassetten mit Akte-X-Folgen herum, die Mutter war auf einem Konzert von „Earth, Wind and Fire“ und ein Magazin wirbt mit Coverstories über Nirvana und Eddie Vedder.

Ein Spiel für Nichtspieler

„Gone Home“ schafft zweierlei: Es stellt mir Familie Greenbriar und ihr Leben in den 90ern vor. Und es erzählt vorwiegend über die gesprochenen Tagebucheinträge die Geschichte eines jungen Mädchens, das neue Freunde sucht. Diese Story ist sprachlich toll erzählt und wird gegen Ende bei sensibel veranlagten Naturen vielleicht sogar für feuchte Augen sorgen. Sie tut das, was sonst eher Kurzgeschichten tun: Sie erzählt einen recht begrenzten Lebenssachverhalt und konzentriert sich auf das Innenleben der Protagonisten. Es gibt kein Drama, keinen großen Spannungsaufbau, keine Klimax und keine überraschenden Wendungen. Aber es gibt Emotionen und glaubhafte Figuren. Es gibt Konflikte in banaler familiärer Normalität, weit weg von den zwar hervorragenden, aber eben doch sehr deutlich fiktionalen Amokläufen a la „Breaking Bad“ oder „Walking Dead“. Vielleicht ist „Gone Home“ gerade deswegen so berührend, weil die Greenbriars die ganz realen Nachbarn eines jeden von uns sein könnten.

Solltet Ihr von „Gone Home“ eine Spukgeschichte, die Erkundung eines mysteriösen Horrorhauses oder gar nennenswerte spielerische Elemente erwarten, so werdet Ihr vermutlich enttäuscht werden. Wenn Ihr Euch mit einer wunderbar erzählten spielgewordenen Kurzgeschichte anfreunden könnt, dann verpasst „Gone Home“ auf keinen Fall.

„Gone Home“ ist bei Steam oder bei GOG erhältlich und kostet regulär um die 15 Euro.