Desktop Dungeons: Bildschirmgroße Kopfnüsse

By Jörg
In Games
Jan 17th, 2014
0 Comments
1345 Views

Das wird wohl nichts mehr: Ich bin gerade erst Level 7, das Dungeon ist aber schon fast erforscht, der Level-10-Boss verhöhnt mich schon seit Minuten und ich habe weder noch genug Gegner zum weiter aufleveln noch genug Ressourcen um mich zu erholen.

Andererseits: Für einen Kampf reicht mein Leben vielleicht noch, wenn ich meinem Gegner erst einen Feuerball um die Ohren haue, meine Schlagkraft dann durch einen Zauber stärke und mir Erstschlag gebe, so dass der dann hoffentlich tote Gegner nicht mehr zurückschlagen kann, was mich sonst töten würde. Durch die XP müsste es für einen Levelaufstieg reichen und dadurch würden Leben und Mana wieder auf 100% aufgefüllt. Und mit dann Level 8 könnte ich mich vielleicht doch noch am Boss versuchen, zumal ich noch einige Manatränke über habe und noch zwei im Bosskampf überflüssige Zauber „umwandeln“ kann in mehr Schlagkraft. Vielleicht geht es sich doch noch gerade so aus und ich entkomme lebend aus diesem Desktop Dungeon …

Planung > Intuition

desktop_dungeons_2

Hier wird fleißig gebaut und erweitert.

Ok, so spannend auch dieser Run wieder ist, steigen wir kurz aus dem laufenden Geschehen in meinem kleinen Königreich aus und verschaffen wir uns einen Überblick. Worum geht es?

Im Kern ist Desktop Dungeons ein Dungeon-Crawler, allerdings ohne jede Action und rein auf Taktik getrimmt, fast wie ein Brettspiel. Ihr zieht in guter alter 8-Bit-Grafik Feld für Feld durch die Dungeons und deckt so nach und nach die anfangs noch verdeckten Dungeonlevel auf. Trefft Ihr auf ein Monster, könnt Ihr Euch überlegen, ob Ihr es angreifen wollt. Monster greifen nie von selber an. Attackiert Ihr, macht Ihr ihm Schaden in Höhe Eures Angriffswertes, müsst aber bedenken, dass das Monster gleichzeitig auch zuschlägt. Es verliert, wem zuerst die Lebenspunkte ausgehen.

Um dieses einfache Prinzip aufzupeppen, könnt Ihr zum Beispiel mit Mana Feuerbälle werfen, Eure Rüstung aufpeppen, Monster in eine Mauer schubsen oder Heiltränke nehmen. Auch die Monster können mitunter mehr als nur zuschlagen und vergiften Euch, rauben Euer Mana oder sind besonders resistent gegen Magie.

Wir hatten ja nix …

Die zweite, noch wichtigere Spielebene neben dem geschickten Kämpfen ist das Ressourcenmanagement. Denn nach einem Kampf regeneriert Ihr nicht einfach Leben und Mana. Nur wenn Ihr das Dungeon erkundet und bisher noch nicht erkundete Felder „aufdeckt“, erhaltet Ihr Heilung und regeneriert Mana. Ist das ganze Dungeon erst einmal aufgedeckt, gibt es also keine Heilung mehr außer durch Levelaufstiege, die Euch vollständig heilen oder durch Tränke.

Tränke und Levelaufstiege sind aber auch rar gesät. In einem Dungeon befinden sich nie genug Monster, um auf den Maximallevel 10 zu kommen, wenn Ihr stets nur brav Monster gleichen Levels angreift. Greift Ihr Monster höreren Levels an, hagelt es zwar Bonus-XP, aber sie schlagen auch deutlich kräftiger zu. Stets gilt es abzuwägen, ob die Bonus-XP gerade den höheren Ressourcenverbrauch aufwiegen.

Das Leben ist knapp, die Heilung limitiert, die XP reichen nicht und hilfreiche Gegenstände sind auch eher selten. Da müsst Ihr mitunter ganz schön über jedem einzelnen Tritt und jedem einzelnen Schlag tüfteln, damit es am Ende für den Boss reicht. Zumal der Schwieirgkeitsgrad nach dem Tutorial recht zügig ansteigt.

Königreich zu kaufen

Eingebettet ist die Abfolge der Dungeons in eine simple, aber humorvoll und ironisch erzählte („You killed a Level-1-Mob! You feel awesome!“) Geschichte eines Königreichs, das Ihr Euch allmählich sich aufbaut. Verbunden mit dem Fortgang der Geschichte und dem Wachstum sind spielerische Neuerungen.

Baut Ihr den Magierturm, könnt Ihr fortan auch mit einem Zauberschleuderer in die Dungeons ziehen, eröffnet Ihr die Diebesgilde, steht Euch ein Schurke zur Verfügung. Die am Ende 12 Klassen spielen sich durch individuelle Boni teilweise sehr unterschiedlich. Kleriker kriegen mehr Leben und absorbieren Schaden, Magier können Zauber billiger wirken und wissen immer, wo im Dungeon neue Zaubersprüche herumliegen, Diebe erhalten für den ersten Schlag Bonusschaden und finden mehr Items. Später schließen sich Euch auch Elfen, Zwerge und andere Rassen an, eine Bank eröffnet in Eurem Königreich, ein Schmied bieten seine Dienste an und ein Dämon baut Shops in die Dungeons.

Quests leiten Euch durch das Spiel und geben die nächsten Ziele vor. Außerdem schaltet Ihr immer wieder „Challenges“ frei. Während die normalen Dungeons weitgehend zufällig aufgebaut und bevölkert sind, sind die Challenges genauestens choreografierte hundsgemeine Rätsel, in denen Ihr Eure Gehirnzellen noch mehr antrengen könnt, um auf den richtigen Lösungsweg zu kommen. Spätestens hier zählt irgendwann jeder einzelne Klick.

Großer Hit für kleines Geld

Desktop Dungeons ist toll! Für aktuell 13,99 Euro bei Steam erhaltet Ihr Stunden um Stunden Knobel- und Tüftelspaß, der einfach clever gemacht ist. Mit wenigen Regeln schaffen die Entwickler von QCF Design ein anspruchsvolles Gameplay, das dem Mantra anspruchsvoller Taktikspiele voll gerecht wird: Easy to learn, hard to master.

Die Länger der Dungeons ist mit 15-25 Minuten genau richtig, das Balancing so gut, dass Ihr stets gefordert, aber selten frustriert sein werdet und die Motivationskurve stimmt auch. Kaum je vergehen mehr als zwei (erfolgreiche) Dungeonausflüge, bis Ihr wieder eine Neuerung erhaltet, etwa eine neue Klasse freischaltet, Euer Itemlager vergrößert, oder Bekanntschaft mit einer neuen merkwürdigen NPC-Figur macht.

PC-Spiele werden wieder innovativ und Desktop Dungeons ist ein tolles Beispiel für diesen Trend. Nachdem die 00er-Jahre doch sehr von Hochglanz und Fortsetzungen a la Call of Duty, Halo und Need4Speed geprägt waren, kehren so langsam die kleinen aber feinen Ideen in die Spiele zurück. Das sieht manchmal nicht schön aus, lässt mich aber trotzdem viel häufiger mit heruntergeklappter Kinnlade zurück als jede Deathcam-Animation oder jeder in einen Wolkenkratzer stürzende Helikopter, der dann effektvoll explodiert und die zufällig nebenan stehende Golden Gate Bridge und halb San Francisco mit verwüstet.

Pixelgrafik und ein paar einfache aber clevere Mechanismen können sooo schön sein. Ichfreue mich auf mehr davon 2014.

Aber jetzt entschuldigt mich bitte, ich muss diesen Boss von vorhin noch irgendwie kleinkriegen, mir wird schon was einfallen.