To the Moon … und ins Spielerherz

By Jörg
In Games
Jan 31st, 2014
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Mal angenommen Ihr habt einen Herzenswunsch, den Ihr Euch aber nicht erfüllen konntet. Würdet Ihr kurz vor Eurem Tod Eure Erinnerungen manipulieren lassen, um in dem „Wissen“ zu sterben, dass sich Euer Wunsch doch erfüllt hat?

Johnny will zum Mond

In „To the Moon“ hat sich Johnny Wyles entschieden, diese Frage mit „Ja“ zu beantworten. Also rücken zwei Ärzte der Sigmund Corp. an, die genau diese Dienstleistung anbieten. Johnny selber liegt im Sterben und ist bereits ohne Bewusstsein, die Ärzte wissen nur, dass sein größter Wunsch ist, zum Mond zu fliegen.

Um Johnny diesen Wunsch zu erfüllen, müssen die beiden Doktoren Johnnys Erinnerungen erkunden, so sein Leben kennenlernen und herausfinden, woher der Wunsch der Mondreise kommt. Denn nur, wenn sie dies wissen, können sie sinnvoll alternative Erinnerungen anstoßen, in denen sich der Wunsch erfüllt. Die Doktoren schließen sich dazu direkt an Johnnys Gehirn an und reisen zu markanten Momenten in Johnnys Leben, die sie miterleben.

Kleine Technik, großes Herz

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Die Doktoren belauschen entscheidende Momente in Johnnys Leben.

Die Faszination dieses Spiels entsteht sicher nicht durch tolle Technik. Erstellt wurde es nämlich mit dem „RPG Maker“, entsprechend sieht es eher nach SNES oder frühen 90er-Jahren auf dem PC aus. Auch die eigentlichen Spielelemente beschränken sich in weiten Teilen auf laufen, anklicken und Texte lesen. Nur gelegentlich ist ein Minispiel zu lösen und bei einer Gelegenheit gibt es eine kleine, eher mäßig gelungene Shooter-Einlage.

Bemerkens-, wenn nicht gar liebenswert macht „To the Moon“ seine Erzählung. Johnny ist weder ein Nachfahre eines Assassinen noch ein Spion, dem die Erinnerung geraubt wurde. Hier wird keine Heldengeschichte erzählt, die üblichen Storyvorgaben für ein Computerspiel gelten nicht. Euch erwarten auch keine 10 mehr oder weniger absurden Wendungen, die alles bisher Erfahrene auf den Kopf stellen, nur um Spannung zu erzeugen.

Stattdessen lernt Ihr Johnny kennen, der ein ereignisreiches, aber letztlich ganz normales Leben mit vielen glücklichen Momenten geführt hat. „To the Moon“ scheut sich aber nicht, auch die Schicksalsschläge in Johnnys Leben zu beleuchten und dem Spieler näher zu bringen. Mit jeder neuen Szene könnt Ihr Euch daher besser in diesen Menschen hineinversetzen, lernt seine Werte kennen, seine Vorlieben und Abneigungen, erfahrt, wo er Fehler gemacht hat und was diese für sein Leben bedeutet haben.

Gaming Novels auf dem Vormarsch

Es ist quasi unmöglich, nicht mit Johnny mitzufühlen, mit ihm zu lachen und mit ihm zu leiden. Wem nicht mindestens zweimal die Augen zumindest etwas feucht werden, der hat entweder kein Herz, oder die Texte nicht gelesen. Diese emotionale Bindung an Johnny und die Menschen um ihn herum erreicht das Spiel nur durch seine hervorragenden Texte, durch spärliche Animationen und durch die tolle Musikuntermalung. Sprachausgabe gibt es nicht. Dafür ein dickes Kompliment!

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Dieser Leuchtturm namens Anya spielt eine wichtige Rolle in Johnnys Leben.

Zusammen mit Titeln wie Gone Home, Dear Esther oder auch Heavy Rain auf der PS3 entsteht langsam ein neues Genre: Spiele, die berühren wollen, die eine Geschichte erzählen wollen, die diesem Ziel die Spielmechaniken unterordnen. Wenn Comics Graphic Novels sind, dann sind diese Spiele Gaming Novels. Der nächste Schritt wäre nun die Vereinigung von Erzählung und Gameplay und ich freue mich heute schon auf das erste Spiel, dem das auf hohem Niveau in beiden Bereichen gelingen wird.

Ihr erreicht das Ende des Trips durch Johnnys Leben nach 4-5 Stunden. Erhältlich ist das Spiel entweder als Retailfassung oder digital bei Steam, GOG sowie direkt beim Entwickler.