Robinson Crusoe – Rettung für gestrandete Koop-Spieler?

By Marco
In Brett- und Kartenspiele
Feb 25th, 2014
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Der Alptraum jedes Seefahrers: Schiffbruch erleiden, dann den Blödsinn auch noch überleben und mit den drei größten Deppen, die auf dem Schiff herumliefen, auf einer einsamen Insel stranden. Also gilt es sich zusammenzuraufen und die grundsätzliche Versorgung zu sichern, um nun auch noch bis zur Rettung zu überleben. Nahrung muss rangeschafft werden und Holz um einen Unterschlupf zu bauen. Einige Speere und ein Zaun schaden auch nicht, damit wilde Tiere nicht auf die Idee kommen die armen Schiffbrüchigen während des Schlafs zu verputzen. Klingt spannend – ist es auch.

Die Schiffbrüchigen und einige der verfügbaren Szenarios.

Die Schiffbrüchigen und einige der verfügbaren Szenarios.

Zusammen leben – allein sterben

Robinson Crusoe – Abenteuer auf der unbewohnten Insel ist ein komplett kooperativ ausgelegtes Brettspiel. Da es sechs unterschiedliche Szenarien gibt, ist das genaue Ziel in jeder Variante etwas anders gefasst. Aber im Kern heißt es erst einmal überleben. Ihr verliert das Spiel, wenn einer der Mitspieler stirbt. Dadurch muss niemand tatenlos rumsitzen und zuschauen. Zusammenarbeit ist also Grundvoraussetzung zum Sieg.

Ihr spielt mit vier unterschiedlichen Charakteren, die zufällig verteilt werden. So agiert Ihr mal als neugieriger Forscher, als kampfstarker Soldat, geschickter Zimmermann oder als ewig nörgelnder Koch. Die Charaktere unterscheiden sich zum einen in ihren Fähigkeiten und zum anderen durch ihre Wundschwellen. Jeder Charakter kann zwar gleich viele Wunden erleiden bis er den Löffel abgibt, aber die Charaktere reagieren unterschiedlich auf Wunden. Sinkt die Lebensanzeige eines Charakters um eine bestimmte Anzahl von Herzen und überschreitet dabei eine Wundschwelle, dann sinkt die Moral der Gruppe. Der Koch hat besonders viele dieser Schwellen und ist bei uns in der Spielgruppe deshalb als Miesepeter verschrien. Also genau mein Charakter!

Was ist denn hier Phase?

Das Spiel unterteilt sich klassisch in mehrere Phasen. In der ersten Phase kommt es zu Ereignissen. In der zweiten bekommt der derzeitige Anführer (Startspieler) die Auswirkungen der Gruppenmoral zu spüren. Als nächstes bekommt die Gruppe Ressourcen von dem Feld, auf dem sie Ihr Lager aufgeschlagen hat. Dann kommt der eigentliche Kern des Spiels, die Aktionsphase.

Jeder Spieler hat genau zwei Aktionen, die er auf dem Spielplan zuteilen kann. Er kann versuchen drohende Ereignisse abzuwenden, er kann jagen gehen, er kann etwas bauen, Ressourcen sammeln oder er erforscht die Insel. Er kann natürlich auch gar nix tun und sich ausruhen oder versuchen die Moral der Gruppe zu erhöhen. Es gibt Tätigkeiten, bei denen ihr die Wahl habt, ob ihr eine oder zwei Eurer Aktionen darauf verwenden möchtet. Wird nur eine Aktion verwendet, müsst ihr würfeln. Verwendet ihr dagegen zwei Aktionen, so ist die Aktion auf jeden Fall ein Erfolg. Durch einen Würfelwurf kann die Aktion fehlschlagen, den Spieler verwunden oder ein Abenteuer auslösen. Im Fall eines Abenteuers muss der Spieler eine Abenteuerkarte ziehen und durchführen. Ein Abenteuer kann so ziemlich alles sein, von dem Angriff eines Gorillas über Unwetter bis hin zu verdorbener Nahrung.

Da Aktionen aber begrenzt sind und die Spieler sehr viele Dinge gleichzeitig tun wollen, müsst ihr über kurz oder lang Risiken eingehen und dann kann das Spiel ziemlich außer Kontrolle geraten.

Das Spiel kann beginnen...

Das Spiel kann beginnen…

Besonders die Aktionen Bauen und Nahrung sammeln sind am Anfang des Spiels wichtig. Hier stehen nicht nur der Bau eines Unterschlupfes, des Daches und der Palisaden zur Wahl: Ihr könnt auch insgesamt 14 Erfindungen und Errungenschaften bauen, vorausgesetzt ihr habt alle Voraussetzungen dafür erfüllt. Neun dieser Erfindungen sind grundsätzliche Dinge, die in jeder Partie zur Verfügung stehen. Die anderen fünf werden vor der Partie zufällig gezogen.

Nach der Aktionsphase bekommt ihr noch die Auswirkungen des Wetters zu spüren. Wenn euer Dach nicht stark genug ist, gehen Vorräte verloren. Außerdem könnten wilde Tiere angreifen, wenn die Palisadenstärke nicht ausreicht.

Die letzte Phase ist die Nacht. Jeder Charakter muss eine Nahrung essen, sonst erleidet er zwei Wunden. Außerdem können die Spieler in der Nacht das Lager auf ein anderes Feld verlegen. Danach wird aufgeräumt und der Startspieler wechselt.

Kernregel des Spiels ist die des „nichterfüllten Bedarfs“. Immer wenn ein Spieler etwas abgeben muss, was er nicht abgeben kann, erleidet er stattdessen eine Wunde. In einigen Situationen muss die Gruppe Dinge abgeben, kann sie dies nicht erfüllen, bekommt die ganze Gruppe entsprechend Wunden. So könnt ihr sehr schnell sehr viel Wunden abbekommen und die Moral bricht zusammen. Dann ist guter Rat teuer und das Spiel wird schwierig.

Dynamische Motivation

Hervorragend an Robinson Crusoe sind die vielen Möglichkeiten. Es gibt fast 100 Ereigniskarten, von denen zu Spielstart aber nur sehr wenige zufällig für das Spiel ausgewählt werden. Hinzu kommen insgesamt 90 verschiedene Abenteuer. Erforschungskarten, die im Fall von speziellen Ereignissen oder bei der Erforschung von Ruinen gezogen werden, gibt es auch noch fast 100.

Auch die Möglichkeiten in der Partie sind immer unterschiedlich. Es gibt acht Startgegenstände, von denen ihr jede Partie zwei zugelost bekommt. Schlussendlich sind die sechs Szenarien auch sehr unterschiedlich und unterschiedlich schwer. Das Spiel bleibt damit auch über längere Zeit sehr dynamisch und ist eigentlich in jeder Partie komplett anders.

Der Schwierigkeitsgrad bleibt dabei immer fair. Ihr könnt natürlich Pech haben, bei Abenteuern immer die richtig fiesen Sachen ziehen und dann einfach sang und klanglos untergehen, oder aber ihr habt Glück und habt direkt neben eurem Lager gute Ressourcen und könnt diese ziemlich ungestört abbauen. Das gehört hier aber fest zum Spiel, da vor jedem Spiel die Karten neu gemischt werden.

Glasperlen und anderer Tand

Das Spielmaterial ist hochwertig. Die oft gebrauchten Teile sind alle aus Holz. Ergänzt wird das ganze mit den üblichen Pappmarkern. Die Spielkarten sind ebenfalls von sehr hoher Qualität und angenehm dick.

Werden diese "Erfindungen" die Schiffbrüchigen retten?

Werden diese „Erfindungen“ die Schiffbrüchigen retten?

Die Anleitung ist zunächst abschreckend: Ein Heft im gleichen Format wie der Karton, unfassbare 42 Seiten lang. Werft ihr aber einen Blick in das Heft ist alles halb so schlimm. Die eigentlichen Regeln sind „nur“ knapp 28 Seiten stark. Danach werden fast jede Karte des Spiels, die Fähigkeiten der Charaktere und die einzelnen Szenarios im Detail beschrieben. Mustergültig. Schon bei der ersten Lektüre bleiben nur wenig Fragen offen, die sich meist im Spielverlauf klären. Die Erklärung der Regeln fand ich zwar zunächst etwas umständlich, aber nachdem Ihr das Heft vollständig gelesen habt, könnt Ihr eigentlich ziemlich sicher das erste Spiel überstehen.

Das Spiel ist übrigens auch komplett alleine spielbar. Da ihr alleine nur zwei Aktionen zur Verfügung habt, werdet ihr in der Solovariante von Freitag und einem Hund unterstützt. So kommt ihr auch alleine auf die nötigen Aktionen um die Szenarien zu meistern.

Fazit

Das Spiel ist großartig. Eines der schönsten, spannendsten und interaktivsten Spiele, die ich in den letzten zwei Jahren gespielt habe. Es passt eigentlich alles. Die Regeln fallen, wenn ihr den Kampf mit der Anleitung überlebt habt, eigentlich leicht und sind sehr schnell erklärt. Da das Spiel komplett kooperativ ist und die Spieler auch keine verdeckten Karten oder ähnliches haben, kann und wird jeder Zug offen diskutiert. Die Aktionsphase ist dabei immer die längste Phase und hier hatten wir schon die unglaublichsten Diskussionen. Wer muss diese Runde hungern, damit wir genug Holz bekommen, um nächste Runde das Dach auszubauen? Wer geht das nächste Feld erkunden? Sollen wir mal in den alten Tempel gehen? Oh, wir haben letzte Runde doch ein wildes Tier gesehen. Wer sollte das erlegen? Brauchen wir Palisaden? Jeder Durchgang spielt sich dabei komplett unterschiedlich, weil unglaublich viele variable Teile beim Aufbau des Spiels mit einfließen. Ihr mögt kooperative Spiele? Dann habt Ihr Euer Ziel erreicht. Auf zu den einsamen Inseln!

Das Spiel ist auf deutsch bei Pegasus Spiele erschienen.

Pegasus Spiele 51945G – Robinson Crusoe


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