Der Gröning-Prozess – 70 Jahre danach und kein bisschen sinnlos

By Jörg
In Allgemein
Aug 17th, 2015
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Oskar Gröning, ein 94 Jahre alter ehemaliger SS-Unterscharführer, ist am 15.07.2015 zu vier Jahren Haft verurteilt worden. Und für einige Gedanken zu diesem Prozess möchte ich unsere sonstigen Themen der meist eher leichten Unterhaltung gerne einmal verlassen.

Gröning war nach seinem freiwilligen Beitritt zur Waffen-SS von 1942 bis 1944 in Auschwitz beschäftigt. Dort sammelte er Wertgegenstände und Devisen der Holocaustopfer ein, sortierte und katalogisierte sie und übergab sie schließlich an Regierungsbehörden in Berlin. Wegen dieser Tätigkeit wurde er später der „Buchhalter von Auschwitz“ genannt. Zudem hatte er gelegentlich „Rampendienst“, in dem er ankommende Häftlinge in Empfang nahm. Im Oktober 1944 ließ er sich auf eigenen Wunsch an die Front versetzen, um der Tätigkeit im KZ zu entgehen. Nach eigener Aussage hat Gröning nicht direkt an der Ermordung der KZ-Insassen teilgenommen, wusste aber, was geschah.

Angeklagt und verurteilt wurde er nun wegen 300.000facher Beihilfe zum Mord. Ob 4 Jahre Haft dafür angemessen sind, kann und will ich mir nicht anmaßen zu entscheiden. Das kann – wenn überhaupt – nur jemand, der sich viel intensiver mit den Personen, Tätern wie Opfern, und den Akten beschäftigt hat als ich. Nur so viel: Alter darf für einen Täter nie ein Freifahrtschein aus der strafrechtlichen Verantwortung sein. Mitleid selbst mit einem 94-Jährigen ist nicht angebracht, wenn er Straftaten begangen hat, selbst wenn sie deutlich weniger harsch sind als 300.000fache Beihilfe zum Mord.

Der Staat lässt allerdings mitunter Straftäter „davonkommen“, sei es aus pragmatischen Gründen oder weil er irgendwann Rechtsfrieden einkehren lassen will. Dann kommt das Instrument der Verjährung zum Zug. Der Staat sagt: Das ist so lang her, wir wollen daran nicht mehr rühren, das macht mehr kaputt als es jemandem hilft. Völlig zu Recht gibt es bei Mord aber keine Verjährung. Die andere Möglichkeit, die der Staat hat ist, einen Täter zwar zu verurteilen, ihn aber, zum Beispiel, weil das Verfahren sich über lange Zeit hingezogen hat, milder zu bestrafen. Oder zu entscheiden, dass die Strafe aus gesundheitlichen Gründen nicht vollstreckt wird. Letzteres könnte bei Gröning passieren, falls das Urteil überhaupt noch rechtskräftig wird, bevor er stirbt. Der Staat ist eben kein Rächer, sondern ein Hüter der Ordnung. Und zu dieser Ordnung gehört, dass auch Straftäter nicht menschenunwürdig behandelt werden dürfen.

Aber selbst wenn Gröning keinen Tag im Gefängnis verbringen sollte, hat dieser Prozess, gerade in Zeiten der Ereignisse in Freital, drei äußerst wichtige Dinge vollbracht:

1. Augenzeugen konnten noch einmal ausführlich berichten, was sich in KZs zugetragen hat. Der Stern hat beispielsweise die Aussage von Susan Pollack im Prozess dokumentiert, die das Grauen in Auschwitz wiedergibt. Die FAZ berichtete über die Aussage von Judith Kalman, die zeigt, wie die damaligen Ereignisse bis heute in den betroffenen Familien wüten. Für die Opfer ist das Mitteilen vielleicht eine kleine Hilfe bei der Verarbeitung, für die Weltöffentlichkeit ist es eine Erinnerung an Zeiten, die langsam zu verblassen drohen. Verblassen, nicht vergessen. Ein Vergessen muss man in unserer Generation wohl noch nicht befürchten, aber es ist doch etwas anderes, ob wir in Schulbüchern trockene Texte lesen und zu diversen Jahrestagen 30 Sekunden in der Tagesschau sehen oder ob Menschen, die dabei waren, bis ins schmerzhafte Detail berichten. Viele solche Gelegenheiten, dem Verblassen mit großem Medienwirbel entgegenzuwirken, wird es nicht mehr geben. Täter und Opfer werden bald nicht mehr leben, die Ereignisse werden von den Titelseiten verschwinden und sich zunehmend mit Sendeplätzen auf Phoenix im späten Abendprogramm begnügen müssen.

2. Der Täter hat nicht geschwiegen. Und als er gesprochen hat, hat er nicht geleugnet. Oskar Gröning hat zwar keine juristische Mitschuld eingestanden, aber das ist auch nicht seine Aufgabe. Diese festzustellen ist Aufgabe des Gerichts. Aber er hat eine moralische Schuld eingestanden und vor allem hat er berichtet. Was er getan hat, wie er es getan hat, wie das Leben im KZ war, was seine Kameraden getan haben und wie sie untereinander geredet haben. Damit liefert er nicht nur ein weiteres Mosaiksteinchen, das jedes Holocaust leugnen noch absurder macht, er ermöglicht es auch unzähligen deutschen Kindern und Enkeln, das Verhalten ihrer Vorfahren besser einordnen zu können.

Wie konnte Opa bei sowas nur mitmachen? Wer Grönings Aussagen im Prozess und auch schon vorher verfolgt (s. Interview mit dem Spiegel aus dem Jahr 2005), bekommt ein besseres Bild der Zeit, der Ideale und Werte, der Erziehungsziele der damaligen Elterngeneration und der aus diesem Umfeld geborenen Psyche Grönings, eines vermutlich nicht untypischen Deutschen seiner Zeit. Natürlich nur ein subjektives Bild aus Grönings Sicht, möglicherweise ein gefärbtes, aber eben das, was ihn und seine Entscheidungen geformt hat. Grönings Vater war Mitglied beim „Stahlhelm“, ein beherrschendes Thema seiner Jugend sind die Versailler Verträge und die Dolchstoß-Legende. Disziplin, Gehorsam, Ordnung und auch Antisemitismus sind selbstverständliche Bestandteile des Alltags. Gröning beschreibt im Spiegel-Interview, wie er in seiner Jugend antisemitische Lieder sang: „Und wenn das Judenblut vom Messer spritzt, dann geht’s noch mal so gut.“ Gleichzeitig kaufte die Familie beim Nachbarn, einem jüdischen Eisenwarenhändler und Gröning spielte als Junge ganz selbstverständlich mit dessen Tochter.

Gröning war kein Monster, er war ein Produkt seiner Zeit, seiner Erziehung und seines gesellschaftlichen Umfeldes. Das kann und soll natürlich weder die Entstehung des Dritten Reiches und der Rassenideologie noch seine eigenen Taten entschuldigen, aber es kann uns verständlich machen, wieso so viele Menschen mitmachten, oder zumindest nicht offen opponierten. Auch Gröning war zunächst begeistert dabei in Hitlers Reich, entkam seiner Erziehung und den gelernten Verhaltensmustern nicht. Er meldete sich freiwillig zur SS und zum Dienst im KZ, wurde vom Mitläufer zum Täter. Weil fast alle es so machten.

Aber er stellte sich dieser Entscheidung, revidierte sie noch in der Zeit des Nationalsozialismus und ließ sich an die Front versetzen, um nicht weiter im KZ Dienst tun zu müssen. Später setzte er sich mit seiner Schuld auseinander, auch öffentlich. Er erwies der Gesellschaft damit den größtmöglichen Dienst, zu dem er sich imstande sah. Ob das gewollt war oder aus der Bedrängnis durch eigene Schuldgefühle geschah, sei dahin gestellt und ist sowieso irrelevant. Im Ergebnis beschert dieser Prozess uns Einblicke in einen gewöhnlichen Menschen seiner Zeit, in sein Inneres, in sein Ringen mit der Schuld. Sein Eingeständnis seiner Schuld. Reue.

Oskar Gröning vermittelt uns die Fakten, er bereut und er hofft auf Vergebung. Nicht vor den Menschen, wie er sagt, sondern vor Gott.

3. Erhalten hat er sie dann von Eva Kor, einer von 67 Nebenklägern im Prozess. Kor, in Auschwitz selber Opfer, ging auf Gröning zu und reichte ihm die Hand. Dafür wurde sie viel kritisiert. Sie könne nicht gleichzeitig Nebenklägerin sein und dem Täter Vergebung anbieten. Doch, sie kann und sie hat. Ein Verfahren vor Gericht dient der Feststellung von Fakten zu einem bestimmten Lebenssachverhalt und deren objektivem Abgleich mit gesellschaftlichen Werten, die sich in der Rechtsordnung als Gesetze manifestiert haben.

Auch Kor will diese Feststellungen, auch sie möchte, dass der Staat Grönings Schuld festhält. Sie möchte Schuld nicht verneinen, aber sie möchte sie überwinden. Die Schuld soll heute nicht mehr das sein, was das Verhältnis von Tätern und den Opfern sowie ihren jeweiligen Nachkommen alleine bestimmt. Kor möchte, dass die Opfer sich von der Last des Erlebten befreien, dass sie ihren Blick nach vorne wenden. Sie hält Verzeihen dafür für den richtigen Weg. Das ist eine persönliche Entscheidung, die ihr niemand abnehmen kann. Mit der man übereinstimmen kann oder nicht, die man aber respektieren sollte.

Mit den „alten“ Nazis hat Kor abgeschlossen, ihren Frieden gemacht. Die jungen Nazis sind das, was ihr heute wieder Sorge bereitet. Und hier verbindet sie ihr Verzeihen mit einer Aufforderung an Gröning: Er soll seine Geschichte erzählen, er soll sie jungen Menschen erzählen, jungen Nazis. Ihr als Jüdin werde ein Nazi nicht glauben, argumentiert sie, aber Gröning habe ganz andere Chancen, auf solche jungen Menschen einzuwirken. Ausführlich beschreibt sie ihre Motivation und ihre jahrelange Arbeit in einem Interview mit der International Business Times (englischer Text).

Verzeihen ist nichts, was ein Täter einfordern kann, nicht einmal etwas, das er erwarten kann, aber wenn es gewährt wird, noch dazu bei solch umfangreichen und schwerwiegenden Tatkomplexen wie denen, von denen wir hier reden, ist es ein Zeichen, dessen Bedeutung man nicht unterschätzen darf. Eva Kor hat mich dadurch zu diesem Artikel inspiriert, ich hoffe, sie hat viele andere auch bewegt und ich hoffe, dass ihre Kraft und ihr Wille auch mindestens einen erfassen, der sich heute noch Nazi nennt, und ihn vielleicht auf einen anderen Weg bringt.

Dann hätte dieser Prozess alles getan, was ein Strafprozess tun kann: Er hat die Taten beleuchtet und strafrechtlich aufgearbeitet, der Täter hat gestanden und bereut und die Opfer konnten etwas Genugtuung erfahren. Mit dem Akt des Verzeihens durch Eva Kor ist sogar ein Weg in eine irgendwann unbelastete Zukunft gewiesen worden. Wenn dies das Ende der NS-Prozesse wäre, es wäre ein gutes.

Den Gröning-Prozess beleuchtet auch die 30-minütige Dokumentation „Der Buchhalter von Auschwitz – Oskar Gröning und seine Ankläger“, die am Dienstag, den 18. August 2015 um 19.00 Uhr auf ZDFinfo läuft.

© Beitragsbild: Bundesarchiv, Stanislaw Mucha, unter CC BY-SA 3.0de